Search and sort

Storyteller | Platon

„Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?“

Der gefeierte Fotograf Platon hat erfolgreich den großen Teich überquert, um für sich New York zu erobern. Dort hat er sich für seine markanten Porträts der weltweit mächtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten ein ausgezeichnetes Renommee erarbeitet.

Politiker und Staatsoberhäupter zu fotografieren, ist wahrlich keine leichte Aufgabe.

obama Barack Obama by Platon

Zunächst tut sich die Frage auf, wie ein Fotograf an diese Menschen herankommt. Wie genau arrangiert man einen Termin mit einer Persönlichkeit, die ein Land regiert?

Je wichtiger ein Mensch, desto größer seine Entourage und desto engmaschiger seine Sicherheits- und PR-Maschine. Dadurch sinken die Chancen für eine fotografische Aufnahme des entscheidenden Moments beträchtlich.

Wenn es gelingt, ein Shooting zu vereinbaren, besteht die Gefahr, dass man sich innerhalb des äußerst begrenzten Zeitraums auch noch nach fremden Regeln richten muss.

Vor diesem Hintergrund kann man die Leistung Platons gar nicht hoch genug einstufen: Er hat eine Reihe außergewöhnlicher Aufnahmen von einigen der wichtigsten – davon vielen umstrittenen – Persönlichkeiten erstellt, die sich auf der internationalen Bühne ein Stelldichein geben.

george-wGeorge W. Bush by Platon

Wie zum Beispiel hat er es vermocht, von Bill Clinton ein derart intimes Portrait zu erstellen, das nicht zuletzt einen tiefen körperlichen Einblick gewährt? Welche Geschichte steckt hinter dem geradezu klassischen sowie leicht bedrohlich wirkenden Foto von Wladimir Putin?

Platons Vita ist und bleibt faszinierend. Er hat nicht nur den Sprung über den Atlantik geschafft, sondern sich auch in New York etabliert – einer Stadt, in der ein gnadenloser Wettbewerb herrscht. Wie der Fotograf seine Herausforderungen angenommen und scheinbare Nachteile in Vorteile umgemünzt hat, kann jedem als Inspiration dienen, der jemals Schwellenängste vor dem nächsten großen Schritt verspürt hat.

ClintonBill Clinton by Platon

Platons Gelegenheit für eine berufliche Tätigkeit in „Big Apple“ ergab sich, als er ihm ein Auftrag für John F. Kennedy, Jr. und dessen Politmagazin „George“ angeboten wurde. Platon hatte sich zu dieser Zeit durch seine Arbeit für die britische Ausgabe der „Vogue“ bereits als Portraitfotograf einen Namen gemacht. Nichtsdestotrotz war der Wechsel nach Amerika ein sehr mutiger Schritt, da sich unweigerlich enorme Umstellungen im gesamten Lebens- und Arbeitsumfeld ergeben würden.

„Obwohl die Briten und Amerikaner die gleiche Sprache sprechen, unterscheiden sich unsere Kulturen signifikant“, so Plato.

„Die Briten sind noch stark den viktorianischen Idealen verhaftet: Taktgefühl, Diplomatie und Besonnenheit spielen eine zentrale Rolle. Allerdings ist England von einem strikten Klassensystem geprägt. Ein Auf- oder Abstieg in dieser Hierarchie ist als Tabu noch immer tief in unserer Psyche verankert. In Amerika gibt es keinerlei Beschränkungen dieser Art.

dreDr Dre by Platon

Stattdessen wird man an seiner aktuell geleisteten Arbeit gemessen. Nur darauf kommt es an. Mit Engagement, Talent und Leistungsfähigkeit lassen sich neue Türen öffnen.

So erklärt sich das extrem hohe Tempo, das in Amerika herrscht. Bei meiner Ankunft in Amerika hatte ich nur eine Kamera und einen Koffer. Nur ein Jahr später führte ich im Weißen Haus einen Auftrag für die Clinton-Regierung aus. In Großbritannien wäre das meiner Meinung nach in dieser kurzen Zeitspanne nicht möglich gewesen. Die Unterschiede zwischen den Kulturen sind zu groß. Abgesehen davon haben die Briten oftmals einen Blick für feine Details, die uns hier in New York bisweilen entgehen. Hier geht es um das reine Machen und Erreichen – um punktuelle und zählbare Erfolge. Das Arbeiten in London gestaltet sich wesentlich subtiler und komplexer. Ich möchte keinem der beiden Systeme den Vorzug geben. Welche Verhältnisse wem mehr zusagen, ist eine rein individuelle Angelegenheit.“

Große Namen

Die erste Berühmtheit, die Platon vor der Kamera hatte, war der Soul-Sänger James Brown. Diese Erfahrung war für den Fotografen eher ernüchternd. Es handelte sich nicht um eine private Fotosession, sondern um eine Presseveranstaltung für einen bevorstehenden Auftritt in London. Es gab das übliche Gedränge und Gerangel um die beste Position. Man musste sich mit dem zufrieden geben, was zur Verfügung stand.

m-obamaMichelle Obama by Platon

„Vor meinen Augen befand sich eine außergewöhnliche Persönlichkeit, aber ich besaß keinerlei Einflussnahme. Stattdessen wurde der Künstler von hungrigen Raubtieren mit Kameras umlagert. Für ein intimes Porträt waren die Umgebungsbedingungen denkbar ungeeignet. Dieser Augenblick hat mich nachhaltig geprägt. Ich wusste jetzt, was ich nicht wollte. Ich wollte nicht mit der Masse kämpfen, um einen Blick meines Subjekts zu erhaschen. Ich wollte den Portraitierten ganz für mich allein. Ich wollte ihn erreichen, ihn ergründen und eine Verbindung mit ihm herstellen.

Von diesem Moment an verfolgte ich eine gänzlich andere Strategie. Bei einer Fotosession sind für mich Intimität, eine Verbindung zwischen den Beteiligten, Privatsphäre und gegenseitiger Respekt entscheidende Aspekte meines Schaffens. Anders kann ich nicht arbeiten.“

snowdenEdward Snowden by Platon

Platon hat oft nur wenige Minuten – oder sogar noch weniger Zeit – um Portraits zu erstellen. Daher ist rasches Handeln sehr wichtig. Hierbei muss Platon die Fassade seines Subjekts gedanklich auflösen und das wahre Wesen seines Gegenübers freilegen – unabhängig von der Berühmtheit oder Unnahbarkeit, die die betreffende Persönlichkeit zunächst ausstrahlt.

In einem Zeitalter, in dem sich jeder normale Mensch mit sorgfältig komponierten Selfies selbst vorteilhaft in Szene setzen und als „Marke“ präsentieren kann, bedarf es eines besonderen Einfühlungsvermögens, um die äußere Hülle zu durchdringen und zum wahren Kern zu gelangen, um diesen bildlich darstellen zu können.

pacinoAl Pacino by Platon

Platon glaubt, dass „wir mehr denn je ein Gefühl von Authentizität und Wahrheit brauchen.“ „Wir wollen einem anderen Menschen in die Augen schauen und uns fragen, wer tatsächlich dahintersteckt.“ Was erwartet uns wirklich hinter der Maske?  Was fühlen Sie in der Gegenwart von Putin oder Obama? Wie formen diese Erlebnisse einen Menschen?

„Das ultimative Geheimnis besteht darin, hinter die Fassade zu blicken. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich mir eine Stunde Zeit lassen kann oder ob mir nur 30 Sekunden zur Verfügung stehen – wie es bei Hugo Chavez, dem Präsidenten von Venezuela, der Fall war. Zeit ist kein ausschlaggebender Faktor. Vielmehr geht es um Einflussnahme und die Fähigkeit, mit einem anderen Menschen in Verbindung zu treten. Dieser Ansatz erfordert jedoch viel Energie. Dieser kraftraubende Zustand kann weder für den Portraitierten noch für mich lange aufrechterhalten werden. Also gilt es, rasch zu handeln und den Schutzschild zu durchdringen.

nelsonWillie Nelson by Platon

„Es kommt vor allem darauf an, als Mensch aufzutreten. Ich darf mich nicht von einer scheinbaren Überlegenheit irreführen lassen – denn es gibt sie nicht. Meiner Ansicht nach ist kein menschliches Wesen einem anderen überlegen. Wir alle sind nur Menschen – mit unseren individuellen Stärken und Schwächen. Meine Aufgabe als Fotograf besteht darin, ein System der Gleichwertigkeit zu schaffen und die scheinbare Überlegenheit zu zerstören.“

Ein gelungener kommunikativer Einstieg und ein gesundes Selbstbewusstsein beim Umgang mit Anderen – egal, welches Ansehen sie genießen – ist natürlich von Vorteil. Als Platon vom Time Magazine nach Moskau beordert wurde, um Putin zu fotografieren, musste er zum Beispiel eine ganze Woche reservieren, um im entscheidenden Moment bereit zu sein und mit seiner Kamera die Aufnahmen zu machen. Erst nach fünf Tagen fuhr ein schwarzer BMW vor dem Hotel vor und chauffierte ihn zu seinem Fototermin in Putins privater „Datscha“, mitten in einem dunklen Märchenwald vor den Toren Moskaus.

„Bei meiner Ankunft erblickte ich überall Scharfschützen. Außerdem lag der Schnee einen Meter hoch. Ich kam mir vor wie in einem Film über den Kalten Krieg. Ich musste draußen im Schnee meine komplette Ausrüstung vorweisen, bevor ich in das Gebäude geführt wurde. Dort wartete ich in einem Raum geschlagene achteinhalb Stunden. Dann wurde mir Folgendes mitgeteilt: ‘Sie haben 15 Minuten, um Ihre Beleuchtung aufzubauen.’ 20 Personenschützer beobachteten jede einzelne meiner Bewegungen. Als ich Strom brauchte, wollte ich einen Stecker aus einer Wandsteckdose ziehen. Da schrien mich die Wachen an und deuteten wild fuchtelnd auf das Gerät, mit dem das Kabel verbunden war: ein rotes Telefon mit einer einzigen Taste – in einer Glasvitrine auf Putins Schreibtisch.“

putinVladimir Putin by Platon

Mit seiner ersten Bemerkung löste Platon die einschüchternde Atmosphäre sofort auf: „Ich bin ein großer Beatles-Fan: Sie auch?“ Als Putin sich ebenfalls als Fan der Beatles geoutet hatte, war das Eis gebrochen. Danach war es möglich, ein Gespräch zu führen. Ich konnte sogar meine Hasselblad ganz dicht vor das Gesicht des russischen Staatsoberhaupts halten, um ein Portrait im Gangster-Look zu komponieren. „Zum Schluss fragte Putin, ob wir ein Bild von uns beiden zusammen aufnehmen könnten. Ich bat einen der Bodyguards, meine Kamera zu nehmen und legte beim Foto meinen Arm um den Präsidenten.“

Das perfekte Werkzeug

Da er sich stets mit voller Intensität auf den entscheidenden Moment konzentriert, ist Platon nie ein Technik-Freak gewesen. Stattdessen nutzt er einfach das Werkzeug, auf das er sich beim Arbeiten zu 100% verlassen kann. Derzeit verwendet er eine Hasselblad H5D-60s.

Platon ist seit vielen Jahren Hasselblad-Nutzer. Er weiß, dass er mit dieser Ausrüstung alle seine Aufgaben zuverlässig erfüllen kann. Das nimmt ihm eine wesentliche Sorge ab.

gaddafiMuammar Gaddafi by Platon

„Als es zwischen der Fotografie und mir Klick gemacht hat, war ich ein Designstudent an der Kunsthochschule. Mir wurde eine alte Hasselblad in die Hand gedrückt, mit der ich im Studio experimentieren durfte“, erinnert sich Platon. „In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür für mich und die Marke Hasselblad hat mich seitdem begleitet. Ich bin nicht darauf erpicht, andere Mittelformatkameras zu testen. Das Herumprobieren aus reiner Neugier liegt mir nicht. Ich bevorzuge Beständigkeit. Für mich gilt der Leitsatz ‘Never change a running system’. Meine Energien investiere ich in die Botschaft und meine Bilder – nicht jedoch in die trügerische Jagd nach der perfekten Kamera.

Eine Hasselblad verbreitet eine bestimmte Aura. Ich mache keine Schnappschüsse von Belanglosigkeiten, sondern portraitiere mein Subjekt mit der Intention, etwas Dauerhaftes zu erschaffen. Die Portraitierten sind sich dessen bewusst und ich bin mir dessen bewusst. Zwischen uns befindet sich eine Kamera, die einen gediegenen, seriösen und angemessenen Eindruck vermittelt. Wenn ich mit natürlichem Licht arbeite, verwende ich gelegentlich Vollformatkameras. Sie eignen sich hervorragend, um z.B. den Lichteinfall durch ein Fenster festzuhalten. Vollformatkameras empfinde ich als weniger wuchtig und ich genieße es, zwischen den Kameras zu wechseln. Doch eine Hasselblad besitzt eine ganz andere Präsenz. Sie erzeugt eine nahezu feierliche Atmosphäre, die Subjekt und Fotograf gleichermaßen wahrnehmen können.“

clooney George Clooney by Platon

Konnte sich Platon am Anfang seiner Karriere vorstellen, jemals so weit zu kommen? Seine Antwort ist von entwaffnender Ehrlichkeit und spricht Bände über sein Selbstvertrauen. Sie soll jedoch lediglich realistisch klingen – keinesfalls arrogant.

„Ich habe genau das erwartet. Allerdings erst in 15 Jahren.

Manchmal wünsche ich, dass alles schneller passiert wäre, denn ich habe dieses schreckliche Gefühl, dass mir die Zeit durch die Hände rinnt. Auf der anderen Seite ist es gut, dass alles seine Zeit gedauert hat. Schließlich bin ich im Laufe der Jahre reifer geworden und weiß inzwischen, wie ich die Fallstricke des Egos umgehe und wie ich meine moralische Integrität wahren kann. Ich agiere mittlerweile effektiver, nehme die Höhen und Tiefen des Lebens bewusster wahr und weiß das, was ich habe, mehr zu schätzen. Hätte sich der Erfolg früher eingestellt, wäre ich davon überrollt worden.

adele Adele by Platon

„Bei Mark Zuckerberg hängt ein Poster mit folgendem Text an der Wand: „Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?’ Das ist in meinem Hinterkopf zu einer Art Mantra geworden. Was würde ich tun, wenn ich angstfrei wäre? Mit dieser Fragestellung sollte sich jeder auseinandersetzen. Seid mutig! Öffnet Euch und streckt Eure Hand in Freundschaft aus. Wie es das Schicksal will, halte ich eine Kamera in der Hand. Und wie es der Zufall will, ist dies eine Hasselblad.“

Weitere Informationen:

www.platonphoto.com

Instagram @Platon

Kameramodell
Belichtungszeit
Blende
ISO
Belichtungsmodus
Automatische Belichtung Manuelle Belichtung Automatische Belichtungsreihe
Fotograf