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Storyteller | Håkan Ludwigson

KEINE Spur von Cowboy-Romantik

Wir möchten Sie als Leser darauf hinweisen, dass dieser Artikel Aufnahmen oder Namen verstorbener Aborigines und Torres-Strait-Insulaner enthalten kann.  

Der wirklich aufschlussreiche Biopic-Fotoband Balls and Bulldust gewährt unvergleichliche Einblicke in das beeindruckende, aber harte Leben der Viehzüchter in den Northern Territories von Australien. Auf Seite 136 befindet sich eine Aufnahme des Bullenfängers John Garland, die dem schwedischen Fotografen Håkan Ludwigson

mehr als andere am Herzen liegt: Dieser Mann rettete ihm das Leben.

© Håkan Ludwigson

In dem bei Steidl erschienenen Band schildert er dem schwedischen Fotografen und Kurator Hasse Persson folgende Begebenheit: „Damals wurde ich von einem großen Bullen förmlich niedergewalzt. Meine Hasselblad 500ELX mit 40-mm-Objektiv ging dabei zu Bruch. Doch diesem reaktionsschnellen jungen Bullenfänger verdanke ich mein Leben. Zunächst befand ich mich auf der Rückfläche eines offenen Viehtreiber-Jeeps, der einem Bullen hinterherjagte. Der Bulle – total erschöpft – wurde umgestoßen und das Fahrzeug ‘parkte’ mit seinen Vorderrädern auf ihm. Mir schwebte ein Foto vor, das das Fahrzeug mit den beiden Bullenfängern darin und dem Bullen darunter zeigte. Irgendwas lief jedoch komplett schief und der Bulle zog sich unter dem Gewicht des Wagens hervor. Dann standen wir uns Aug in Aug gegenüber.“

© Håkan Ludwigson

Er fährt fort: „Sofort drehte ich mich um und rannte mit meiner schweren Ausrüstung um mein Leben. John sprang aus dem Auto, packte den Bullen am Schwanz und hielt ihn fest.

Der Bulle war mir inzwischen bereits verdächtig nahe gekommen. Schließlich rutschte ich aus. Dieser Bulle schien es wirklich auf mich abgesehen zu haben. Zu meinem großen Glück war er durch Johns beherztes Eingreifen abgelenkt worden. Schon begann ich seinen schweren Körper über mir zu spüren. Dennoch gelang es ihm nicht, mich mit seinen großen Hörnern in den Boden zu rammen  und so konnte ich mich schließlich aufrappeln und zum Auto zurückzukehren. John hatte nicht lockergelassen und hing noch immer am Schwanz des Bullen. Ich verdanke ihm mein Leben.“

© Håkan Ludwigson

Håkan Ludwigsons Karriere begann 1965 als Pressefotograf in Schweden. Heute gilt er als einer der versiertesten Fotografen des Condé Nast Traveler-Magazins und erfährt weltweit Aufmerksamkeit.  Der vielfach preisgekrönte Redaktions-, Mode- und Werbefotograf erschließt sich seit 25 Jahren die Welt per Kamera und war aus diesem Anlass in nahezu 100 verschiedenen Ländern unterwegs.

© Håkan Ludwigson

„Balls and Bulldust“, seine einflussreiche und vollkommen kompromisslose Beobachtung des rauhen Lebens im australischen Outback, stammt aus den 1980er Jahren. Der einzigartige historische Wert dieses Werks wurde jedoch erst 2012 erkannt.

Håkan Ludwigson ging zu 100% in diesem Projekt auf; campierte in Steppenlandschaften und schlief unter freiem Himmel,  aß wie ein Viehzüchter mit dem Teller in der Hand oder auf den Knien, während er mit der anderen Hand verzweifelt versuchte (und größtenteils scheiterte), die zahlreichen Fliegen abzuwehren.

© Håkan Ludwigson

An dieses erlebnisreiche Zeit erinnert er sich wie folgt: „Mich hat das entbehrungsreiche Leben dieser Gemeinschaft aus Männern und auch Frauen über alle Maßen fasziniert. Tief in ihrem Inneren schienen diese Menschen nach etwas zu suchen; vielleicht aus purer Abenteuerlust oder einem Sinn für besondere Romantik.“

Seine Aufnahmen waren von solcher Wirkung, dass die auf den Fotos abgebildeten im Schmutz liegenden Stierhoden, blutigen abgetrennten Hörner oder von Fahrzeugen abgeschleppten getöteten Bullen sogar Hasselblad in ungläubiges Erstaunen versetzten. Schließlich hatte ihn das Unternehmen eigentlich mit dem Auftrag entsendet, die neuesten Kameras zu testen und zu präsentieren.

© Håkan Ludwigson

Håkan Ludwigson meint dazu: „Hasselblad war von der Rauheit dieser Bilder wie vom Donner gerührt. Vermutlich hatten sie von mir so etwas wie amerikanische Cowboy-Romantik erwartet.“

Håkan Ludwigson hatte auf diesem Trip jedes Kameragehäuse, Objektiv und Zubehör dabei, das Hasselblad damals produzierte. Für den Notfall gleich in zweifacher Ausführung.

© Håkan Ludwigson

Er umreißt die technischen Herausforderungen so: „Der Staub, den die Tiere aufwirbelten, war dabei das größte Problem. Er kroch einfach überall hinein. Also verbrachten wir jede Nacht mehrere Stunden damit, die Ausrüstung zu reinigen. Doch die Hasselblad-Techniker hatten uns mit einigen wichtigen Wartungs- und Reparaturhinweisen versorgt. Damit waren wir auf der sicheren Seite.“

© Håkan Ludwigson

Die in „Balls and Bulldust“ veröffentlichten Aufnahmen (alle analog fotografiert) haben trotz des mehrjährigen Abstands ihre zeitlose Anmutung und Ästhetik bewahrt.

Dazu Håkan Ludwigson: „Obwohl ich heutzutage nur noch digital arbeite, glaube ich, dass meine grundlegende Herangehensweise trotz der technologischen Entwicklung nahezu unverändert ist. Damals wie heute sind für mich eine harmonische Komposition, ein klarer Kontrast zwischen den Bildelementen und der Respekt gegenüber den Menschen ausschlaggebend für den Wert einer Aufnahme.“

© Håkan Ludwigson

Dr. Glen McLaren, in der Wissenschaftsforschung tätig, merkt dazu an: „Håkan Ludwigson ist es gelungen, das Wesen der Viehzucht in den Stationen des Northern Territory in brillanter Manier einzufangen; ein Leben, das von juveniler Abenteuerlust ohne elterliche Einengung geprägt ist. Diese jungen Menschen haben sich einem freigewählten und selbstbestimmten Lebensstil verschrieben, der keine Gefahren zu kennen scheint.“

Auf dem Rückumschlag des Buchs ruft Håkan Ludwigson die in den 1980er Jahren Fotografierten dazu auf, mit ihm über ballsandbulldust.com in Kontakt zu treten.

© Håkan Ludwigson

Håkan Ludwigson: „Ich habe noch so lebhafte Erinnerungen an Euch alle, die ich damals im Outback getroffen und fotografiert habe. Daher frage ich mich immer wieder, was aus Euch geworden ist. Wie hat Euch das Leben mitgespielt? Wie schaut Ihr auf diese staubige Zeit zurück? Wenn Ihr Euch in diesem Buch erkennt, lasst mich bitte wissen, wo ich Euch heute finden kann.“

© Håkan Ludwigson

Weitere Informationen unter www.ballsandbulldust.com

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Auto exposure Manual exposure Auto bracket
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