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Erster Künstler im All

Leiden schafft Kunst? Der in Deutschland geborene und in Berlin ansässige Künstler, Fotograf und Filmemacher Michael Najjar scheint das wortwörtlich zu nehmen.

Michael Najjar (50) möchte als erster Künstler im All in die Geschichte eingehen. Mit finanzieller Unterstützung dreier Kunstsammler buchte er für 200000 USD ein Pioneer Astronaut-Ticket für den Jungfernflug von Richard Bransons Virgin Galactic im nächsten Jahr.

Michael Najjar mag es gern komplizierter. Kein anderer ziviler Raumfahrer von Bransons Raumschiff hat sich je zuvor diesen körperlich anstrengenden, geistig erschöpfenden Trainings einschließlich des berüchtigten ‘Vomit Comet’ (dt. „Kotzkomet“) gestellt.

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In den letzten vier Jahren hat Michael Najjar das gleiche Training wie professionelle Raumfahrer absolviert.

Das begründet er wie folgt: „Ich habe mich dafür entschieden, weil ich wissen wollte, welche Strapazen die Profis auf sich nehmen, bevor sie in den Weltraum starten. Physische und psychische Grenzen werden dabei bis zum Äußersten ausgetestet. Genau das wollte ich auch erleben. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich dies als performativ-künstlerische Aktivität interpretiere und während des Trainings Videos und Fotos anfertige. Auf dieses wirklich ‘überirdische’ Erlebnis möchte ich 100% vorbereitet sein.“

Nach einem Jahr mit unzähligen Mail- und Telefonkontakten begann sich seine Beharrlichkeit auszuzahlen: Er wurde im Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum im Sternenstädtchen unweit von Moskau und zum Zentrifugentraining im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt angenommen.

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Das originellste Selfie der Welt

Im Rahmen dieses selbstgewählten ‘Schmerzprogramms’ flog Michael Najjar in einem russischen MiG-29 Kampfjet – die Kamera fest im Griff – in die Stratosphäre.

„Eine ziemlich harte Lektion“, bekennt er in gewohnt bescheidener Art. „Auf das, was mir ‘Kotzkometen’ wirklich bevorstehen würde, war ich nicht vorbereitet. Mit dem Siebenfachen der Gravitationskraft zurechtzukommen, heißt, dass einen das siebenfache Körpergewicht beim Zweifachen der Schallgeschwindigkeit zusammendrückt. Niemand hat mir gesagt, dass man dabei sogar die Fähigkeit verliert, Farben wahrzunehmen.  Hinzu kommt die nicht unerhebliche Gefahr der Bewusstlosigkeit, was mir zweimal fast passiert ist. Als ob das allein nicht reichen würde, musste ich meine Kamera ganz fest umklammern, um meine Aufnahmen überhaupt zu bewerkstelligen.“

Doch Michael Najjar hat sein Ziel erreicht. Manchen gilt es als originellstes Selfie der Welt.

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Michael Najjar fügt hinzu: „In der MIG überlegte ich mir, woher das Licht kommt und bat den Piloten, ein wenig nach rechts oder vielleicht nach links zu schwenken. Zudem teilte ich ihm mit, dass ich ein Video drehen will, wenn wir bei voller Geschwindigkeit eine dreifache Tonnenrolle vollführen. Er war der felsenfesten Überzeugung, dass dies lediglich ausgebildete Piloten absolvieren könnten. Jeder andere würde nach nur einer Rolle das Bewusstsein verlieren. Also überredete ich ihn zu einer einfachen Rolle, nach der ich ihm Feedback geben wollte, dann zu einer zweiten und schließlich zu einer vollen dreifachen Rolle. Dabei habe ich wirklich nahezu das Bewusstsein verloren, was ich dem Piloten natürlich nicht eingestand.“

Die Idee für seine Weltraumodyssee kam Michel Najjar erstmalig 1988 in der Bildo-Akademie für Kunst und Medien Berlin. Bekannte Medienphilosophen wie Paul Virilio und Vilem Flusser, die die Macht und Geschwindigkeit der technologischen Evolution erforschten, haben ihn maßgeblich beeinflusst.

Wie er es formuliert: „Ihre Ideen haben im Hinblick auf mein künstlerisches Schaffen den Weg dafür geebnet, wie ich fotografiere und Technik einsetze. Alles basiert auf einem theoretischen Entwurf, den ich in ein visuelles Konzept übertrage und schließlich umsetze.“

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Er ergänzt: „Meine Arbeit ‘oszilliert’ stets entlang einer dünnen Linie zwischen Realität und Simulation. Sie können meine Arbeit betrachten und denken ‘oh, das sieht aber cool aus’. Auf den zweiten Blick erkennen Sie jedoch ‘hm, das ist nicht wirklich realistisch’.“

„Mir liegt daran, dass die Leute Realität und Simulation hinterfragen und inwiefern sich beide voneinander unterscheiden lassen.  Meines Erachtens hat uns die Zukunft bereits eingeholt. Vielleicht erweist sich die Simulation sogar als besser als die Realität?“

Es war ein Berg, der Michel Najjar dazu brachte, nach den Sternen zu greifen. Mit der zuverlässigen Hasselblad 500CM im Schlepptau („Wir entschieden uns für das bewährte mechanisches Modell, weil ein Akkuwechsel auf einem Berg bei -30°C unmöglich ist.“) visierte er den höchsten Berg außerhalb Asiens an: den Aconcagua in den argentinischen Anden mit einer Höhe von 6959 m ü. d. M..

Die dort aufgenommenen Fotos ermöglichten ihm, eine weltweit hochgelobte Reihe von Werbeaufnahmen zu erstellen, die zerklüftete Bergansichten mit Volatilitätsdiagrammen des Aktienmarkts in Verbindung brachten.

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Oder wie er es beschreibt: „Mir ging es darum, wie sich neue Algorithmen und rechnergesteuerte Technologien auf die Finanzmärkte auswirken.“

Als er schließlich den Gipfel erreichte und gen Himmel blickte, erschien ihm dies noch nicht hoch genug. Dort draußen ganz weit oben wartete schließlich der Weltraum auf ihn.

Die ersten Schritte dieser Weltraumreise unternahm er bei einer Fahrt nach Cape Canaveral, um den Start des letzten Atlantis-Spaceshuttles zur Internationalen Raumstation zu fotografieren.

Daran erinnert er sich so: „Das war der Startpunkt meiner laufenden Outer Space-Aufnahmen und Fotomontagen sowie Einzelausstellungen (die jüngste fand gerade in der The Benrubi Gallery in New York statt) – die meine eigene Interpretation der Entwicklung der Raumfahrt widerspiegeln.  Niemand wird jemals barfuß den Mond betreten können. Doch mithilfe von Technologie und Hybrid-Fotografie lässt sich dies suggerieren.“

Michael Najjars Pläne, als erster Künstler bzw. Fotograf den Weltraum zu erobern, drohten vor zwei Jahren durch den Absturz von Virgin Galactic SpaceShipTwo während eines Testflugs über der Mojave-Wüste ernsthaft zu scheitern. Dabei wurde ein Pilot getötet und ein zweiter verletzt. Richard Branson war kurz davor, das Projekt aufzugeben, änderte seine Meinung dann jedoch wieder.

Michael Najjar meint dazu: „Das war natürlich ein großer Schock, aber auch ein Meilenstein. Die Piloten kannten die Risiken genau und Tragödien dieser Art können nun mal passieren. Wir machen weiter. Daraus lernen wir und bessern technologisch nach, um jedem den Traum von der Raumfahrt zu ermöglichen.“

Vor kurzem bekam Michael Najjar, die wie er es ausdrückt „unglaubliche Chance“, drei Wochen lang auf dem europäischen Weltraumbahnhof in Französisch Guyana zu arbeiten. Er begleitete den Start der Ariane 5, die einen wichtigen Telekommunikationssatelliten ins All brachte. Dieser soll die in diesem Jahr in Brasilien stattfindenden Olympischen Spiele besser abdecken und den Breitbandzugang Südamerikas vereinfachen.

„Mir wurde dabei voller Zutritt gewährt“, so Michael Najjar. „Sogar bei der Raketenmontage und der Anbringung des Satelliten oben auf der Rakete. So durfte ich sogar wenige Stunden vor dem Start die Raketenabschussrampe überfliegen.“

Hasselblad im Weltraum

Hasselblad kann ebenfalls seit vielen Jahrzehnten auf eine stolze Weltraumkarriere zurückblicken. Michael Najjar (aktueller Hasselblad-Botschafter) arbeitet zeitlebens mit diesen Kameras

und entsinnt sich: „Bereits als Student habe ich auf eine 500CM gespart. Hasselblad stand mir stets als kompetenter Partner bei einigen meiner Projekte wie z.B. Outer Space zur Seite.

Bei meinen letzten Shootings verwendete ich die H4D und H5D. Meine Arbeiten vergrößere ich so stark, dass die H4D-60 für mich zu einer unschätzbaren Ausrüstung avanciert ist. Jetzt kann ich es kaum erwarten, die neue H6D mit 100 Megapixeln mit ihrer phänomenalen Qualität in meinen Händen zu halten.“

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Ergänzend fügt er hinzu: „Hasselblad ist für mich das Sinnbild von Qualität. Um meine großformatigen Aufnahmen anzufertigen und zu drucken, benötige ich große Dateien mit einer extrem hohen Auflösung. Das digitale Ergebnis ist das absolute Optimum – also genau das, was ich will. Um mit dieser Ausrüstung unter diesen extremen Bedingungen arbeiten zu können, sind einfache Bedienbarkeit und Beständigkeit unerlässlich.“

Unumwunden gibt er zu: „Während des Trainings in der Schwerelosigkeit die Kamera zu bedienen und zu fotografieren, gleicht einer Mammutaufgabe. Schließlich bereitet einem der eigene Körper schon genügend Probleme. Es ist unmöglich, konzentriert zu fotografieren.“

Michael Najjar ist auch an einem weiteren Weltraumprojekt beteiligt. Dabei steht er jedoch mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

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Erläuternd merkt er an: „Der Besitzer des Hotels Kameha Grand Zürich hat mich gebeten, eine ‘Weltraumsuite’ einzurichten.  Also habe ich in einem leeren Raum eine ‘Raumstation’ eingerichtet, in der sich die die Gäste wie in einer echten Raumstation fühlen können. Dafür habe ich eine voll-immersive Umgebung mit einem Teppichbelag auf dem Fußboden und an der Decke erschaffen. Schließlich gibt es auch im Weltraum kein Oben und Unten.

Zudem besteht eine direkte Internetverbindung zur Internationalen Raumstation ISS. Die Gäste sind mit ISS-Kameras verbunden. Dadurch gewinnen sie sowohl einen Einblick ins Innere der ISS und können gleichzeitig auf die Erde schauen, als ob sie sich in der Raumstation befänden. Diese einmalige Erfahrung schlägt mit 2000 EUR pro Nacht zu Buche.“

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Was Michael Najjars echte Weltraumodyssee anbelangt, wird er dafür als erstes wohl seine Hasselblad einpacken.

Oder wie er es formuliert: „Meiner Meinung nach ist ein Künstler am besten für einen Aufenthalt im All prädestiniert. Schließlich verfügen wir als Künstler über die erforderlichen Werkzeuge, um außergewöhnliche Dinge aus einer einzigartigen Perspektive heraus zu ‘übersetzen’.

Bislang waren mehr als 500 Raumfahrer im All. Diese tun sich nach eigener Aussage häufig schwer, ihre Tätigkeit und ihren Blick auf die Welt einer breiteren Öffentlichkeit verständlich zu machen. Künstler und Fotografen kennen dieses Problem nicht.“

www.michaelnajjar.com

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