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Mozarts „Buttergeige“ und Frederick-Edwin Bertins Hasselblad

2016-01-19 Mozart nannte seine Lieblingsgeige wegen ihres sanften und vollen Tones seine „Buttergeige“.

Der in Frankreich geborene Top-Portraitfotograf Frederick-Edwin Bertin verrät, dass auch er seine ganz persönliche „violon de beurre“ besitzt: seine Hasselblad.

Frederick-Edwin Bertin ist seit mehr als drei Jahrzehnten ein glühender Verfechter der analogen Mittelformatfotografie (auch wenn er gesteht, dass er für ein Magazin aus New York die Wahrzeichen der Stadt mit dem digitalen Rückteil CFV-50c abzulichten gedenkt). Er hat kürzlich bekanntgegeben, dass die Schwedische Staatsbank eines seiner berühmten Portraits von Ingmar Bergman, einem der weltberühmtesten Regisseure, auf die neuen 200-Kronen-Geldscheine drucken wird. Die Aufnahme entstand 1998 in Stockholm.

IngmarBergmanIngmar Bergman by Frederick-Edwin Bertin

„Dies ist eine überwältigende Ehre für mich. Zudem unterstreicht die schwedische Verbindung zwischen dem Mann, der oft als größter Regisseur aller Zeiten bezeichnet wird, und dem Hersteller der weltweit großartigsten Kameras den außergewöhnlichen Geist und den enormen Einfallsreichtum, der in diesem innovativen skandinavischen Land zu Hause ist“, so Frederick-Edwin Bertin.

Das Bild von Bergman war die Krönung eines 5 Jahre währenden unablässigen und hingebungsvollen Strebens von Frederick-Edwin Bertin, ein Portrait dieser herausragenden Persönlichkeit aufnehmen zu dürfen.

Zwei Jahre lang hatte er Briefe an Bergman geschrieben und war anschließend sogar nach Stockholm gezogen. In den folgenden drei Jahren seines Lebens erstellte er minutiös 98 Fotografien von Bergmans Truppe aus Schauspielern, Technikern und Assistenten.

„Bergman war eine einzigartige Erscheinung, stets eine Herausforderung und mit dem gelegentlichen Hang zum unkonventionellen Handeln“, erklärt Frederick-Edwin Bertin.  „In Bergmans gesamtem Leben gab es nur zwei autorisierte Portraitsitzungen. Eine mit Irving Penn und die andere mit mir. Ich arbeitete all diese Jahre unablässig, bevor mir schließlich ein einziges 20-minütiges Shooting mit Bergman gewährt wurde.  Dabei waren nur Bergman, ich und meine Hasselblad 500CM in einem Raum im Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm anwesend. Ich muss konstatieren, dass sich das Warten und der extreme Aufwand mehr als gelohnt haben.“

Frederick-Edwin Bertins ehrgeiziges fotografisches Projekt zur enigmatischen Bergman-Persönlichkeit, das ein halbes Jahrzehnt verschlang, wäre allerdings fast nie zustande gekommen. Ebensowenig hätte es seine gesamte beispielhafte Fotografenkarriere beinahe nicht gegeben. Als Jugendlicher stand Frederick-Edwin Bertin kurz vor dem Erblinden.

„Ich litt an dem Virus, das Lippenherpes verursacht. Doch es griff auf eines meiner Augen über und begann, meine Hornhaut anzugreifen. Anschließend infizierte sich auch das andere Auge.“

Frederick-Edwin Bertins Vater brachte ihn in Londons renommierte Augenklinik „Moorfields Eye Hospital“. Dort konstatierte ein Arzt, dass es 48 Stunden später nicht mehr möglich gewesen wäre, das Augenlicht des jungen Patienten zu retten.

Auf einem Ausflug zum Hyde Park, während seiner dreimonatigen Genesungszeit, erlebte Frederick-Edwin Bertin den Moment seiner fotografischen Erleuchtung.

Er erinnert sich wie folgt: „Nach einem heftigen Regenguss ließ der Sonnenschein die Regentropfen auf den Herbstblättern auf atemberaubende Weise glitzern und funkeln. In diesem Augenblick habe ich auf nahezu unbeschreibliche Weise das ‘Sehen’ gelernt und auf der Stelle beschlossen, Fotograf zu werden.“

Frederick-Edwin Bertin besuchte das College und wurde später Fotoassistent in Paris. Doch im Jahr 1981 schlug das Virus wieder zu und Bertin musste sich erneut in der Moorfields-Klinik in Behandlung begeben.

Er schildert die damaligen Entwicklungen: „Mein Vater war dermaßen von meiner Entschlossenheit beeindruckt, vollständig gesund zu werden, dass er mir meine erste Hasselblad kaufte – diese wunderbare komplett schwarze und verheißungsvoll glänzende 500CM. Seiner Meinung nach verdiente ich das beste Werkzeug, das zu bekommen war.“

Von diesem Moment an blickte Frederick-Edwin Bertin nie mehr zurück.  Bewaffnet mit seiner „verführerischen und betörenden“ 500CM sowie später mit einer 503CW und seiner treuen 203FE und drei Objektiven der F-Serie, die über jeden Zweifel erhaben sind, begann er seine Karriere, indem er u.a. mit den wichtigsten internationalen Zeitschriften wie Vogue zusammenarbeitete.

Doch seine Kamera der Wahl für die Bergman-Portraitsitzung im Jahr 1998 Schuss war die 500CM.

„Ich liebe dieses fotografische Werkzeug“, schwärmt er. „Die Kamera ist in den drei Jahren mit Bergmans Truppe nicht von meiner Seite gewichen. Ich war unter den Schauspielern und Technikern als der ‘weiße Wolf’ bekannt. Zu diesem Spitznamen kam es sicherlich, weil alle wussten, welch große Bedeutung ein Treffen mit Ingmar Bergman für mich hatte.“

„Nachdem ich nahezu 100 Portraits von der Truppe aufgenommen hatte, gelangte ich allmählich an den Punkt, an dem ich alptraumhaft von der Vorstellung geplagt wurde, dass ich trotz all meiner Anstrengungen nicht bis zu Bergman selbst vordringen würde – und damit 5 Jahre meines Arbeitslebens verschwendet hätte.

Doch dann geschah etwas Unglaubliches. Ich saß mit den Bergman-Schauspielern in einem Café und wurde einem jungen Mann vorgestellt, der sich als Bergman-Schüler zu erkennen gab. Er beschrieb seinen Lehrmeister jedoch recht herabwürdigend als „bloß einen sehr alten Mann“.

Normalerweise habe ich ein ruhiges Temperament, aber in dieser Situation verlor ich meine Fassung. Wir Franzosen verwenden das Sprichwort, dass uns „der Senf in die Nase steigt“, wenn uns etwas in Rage bringt. Genau dies geschah in dieser Situation. Ich konnte nicht fassen, dass dieser junge Mann dermaßen abfällig über Bergman sprach – einen der wahren Großmeister in der Welt des Kinos.

Alle Anwesenden im Café wurden plötzlich ganz still. Am nächsten Tag erhielt ich überraschenderweise von Bergman persönlich die Nachricht, dass er nun für das Portrait bereit sei.“

Meine fünfjährige Wartezeit war zu Ende.

Frederick-Edwin Bertin erinnert sich: „An diesem Morgen fühlte ich mich wie ein Olympionike vor dem Zieldurchlauf. Ich strich ziellos durch den nahegelegenen Park, um meine Nerven zu beruhigen. Sorgfältig prüfte ich meine Hasselblad, Belichtungsmesser und Batterien. Danach prüfte ich alles nochmal. Und nochmal.

Dann betrat Bergman den Raum und nahm Platz. Ich sage meinen Subjekten immer, welche Pose sie einnehmen sollen. Aber nicht in diesem Fall.

Ich nutze meine Hasselblad auf einem Stativ. Die Kamera war fertig eingerichtet. Ich komponierte den Bildausschnitt und kniete mich neben die Kamera. Ich hatte keine zusätzliche Beleuchtung aufgebaut. Ich weiß die Qualität des natürlichen Lichts zu schätzen. Das Fenster befand sich in meinem Rücken und ich achtete darauf, nicht das einfallende Tageslicht zu blockieren, das ich als so wichtig erachte.

Wir sprachen über einen seiner Filme, als er mir ganz ohne Vorankündigung dieses erstaunliche Lächeln schenkte. Es kam ganz von ihm selbst,  ohne Anweisung des Fotografen. Es wirkte, als wären wir schon seit langen Jahren Freunde gewesen.“

„Ich wusste instinktiv, dass dies der entscheidende Moment war – und drückte auf den Auslöser. Bergman freute sich, denn er wusste, dass ich mein Portrait im Kasten hatte.“

Er fügt hinzu: „Diesen Augenblick werde ich nie vergessen. An Hasselblad – meiner ganz persönlichen „Buttergeige“ – fasziniert mich, dass ich mich beim Komponieren eines Portraits voll und ganz auf mein Subjekt konzentrieren kann, da die Kamera stets auf dem Stativ ruht. Dadurch kann ich den jeweiligen Augenblick sowie meine eigenen Handlungen viel intensiver und fokussierter wahrnehmen.“

Nach den Strapazen der drei Jahre, in denen Frederick-Edwin Bertin Portraitaufnahmen in Stockholm erstellt hatte, suchte er nach einer Veränderung. Er fand diese in der Landschafts- und Pflanzenfotografie.

2005 wurde er für sein „Atlantic Plants Portfolio“ zum Hasselblad Master ernannt. Derzeit plant er – mit dem digitalen Rückteil CFV-50c – die Wahrzeichen von New York fotografisch in Szene zu setzen.

Doch seine Karriere ist von einer Ironie des Schicksals geprägt, die Bertin ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

Er verrät uns: „Meine Mutter wollte nie, dass ich Fotograf werde. Nachdem ich sie über meines Berufswahl unterrichtet hatte, redete sie drei Jahre lang nicht mehr mit mir. Sie hatte sich so gewünscht, dass ich Banker werde.

Und jetzt muss man sich vorstellen, dass mein Bergman-Portrait eine Banknote zieren wird!“

www.frederickedwinbertin.com

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