Storytellers

Terry O'Neill

Zwei großartige Engländer und eine Deutsche Dogge

Es war 1974. Terry O’Neill (bereits damals eine internationale Foto-Koryphäe) machte Studio-Porträts von Glam-Rock-Star David Bowie – und einem sehr großen Hund.

‚Es waren Werbeaufnahmen für Bowies Album ‚Diamond Dogs‘‘, lächelt Terry. ‚Das Problem war, dass die Deutsche Dogge, als ein Stroboskop im Studio anging, wütend und bellend hochsprang und versuchte, es zu töten. Das ganze Studiopersonal wich instinktiv zurück, aber David zwinkerte nicht einmal.“

David Bowie for Diamond DogSinger David Bowie poses with a large barking dog for the artwork of his 1974 album ‘Diamond Dogs’ in London.

Seit dem tragischen Tod des Man Who Fell to Earth wird Terrys Büro in London mit Anfragen nach Bildern überflutet. „Es müssen Hunderte von Anfragen gewesen sein“, erzählt er. „Millionen Menschen weltweit verehrten David und ich habe ziemlich oft mit ihm gearbeitet – besonders in den ersten zwanzig Jahren seiner Karriere. Ich muss zugeben, dass ich seine Stimme nicht so sehr mochte wie seine Texte. Für mich war er mehr ein Schauspieler als ein Popsänger – durch all die unterschiedlichen Rollen, die er gespielt hat. Er erfand sich ständig neu mit Charakteren wie Ziggy Stardust und Thin White Duke. Mir kam David immer wie jemand vor, der seiner Zeit weit voraus war, und ich war sehr traurig, als ich von seinem Tod erfuhr.“

English singer, musician and actor David Bowie photographed for the Diamond Dog album cover, circa 1974.

Terry (inzwischen 78 Jahre alt) war bereits der Fotograf der Wahl von einigen der einflussreichsten Prominenten der letzten 50 Jahre. Die Namensliste ist unendlich lang und umfasst unter anderem:

Die Beatles; Brian Jones; Marianne Faithfull; Audrey Hepburn; Brigitte Bardot, Sean Connery; Raquel Welch; Rod Stewart; Clint Eastwood; Lee Marvin; Paul Newman; Ava Gardner; Dean Martin; Muhammad Ali; John Lennon; Tom Jones; Elton John; Peter Sellers; David Bowie; Robert Redford; Bruce Springsteen; Frank Sinatra; Peter O’Toole; The Who; Steve McQueen; Dustin Hoffman; Michael Caine; Robert Mitchum; Eric Clapton; Faye Dunaway; Natalie Wood; David Bailey und Jean Shrimpton; die Stones; Sir Winston Churchill; Chuck Berry Anthony Newley; Peter Cook und Dudley Moore; David Niven; Marlene Dietrich, Jane Fonda; Ursula Andress; Roman Polanski und Sharon Tate; Groucho Marx.

The Rolling Stones pose for a group portrait in Leicester Square in London, 17th January 1964. From left to right: Brian Jones (1942 – 1969), Keith Richards, Charlie Watts, Mick Jagger and Bill Wyman.

Die fünfundsechzig Bilder von O’Neill, die sich derzeit in der National Portrait Gallery in London befinden, unterstreichen das Talent dieses Mannes – und sein voll ausgelastetes Team konzipiert ständig internationale Ausstellungen seines Backkatalogs.

Aber das erstaunliche ist, dass Terry O’Neill durch Zufall zur Fotografie gekommen ist.

Zwei Jahre seiner Jugend verbrachte er mit einer Ausbildung zum Priester, aber als er vierzehn Jahre alt war, galt seine wahre Liebe dem Jazz-Schlagzeug. Und es ist eine extreme Ironie des Schicksals, dass er zugibt, dass es ihm nie gelungen ist, Foto-Shoots mit den Jazz-Größen zu organisieren, die er immer bewunderte, wie Dizzy Gillespie und Miles Davis.

Mit siebzehn war Terry klar, dass er eine viel größere Chance hätte, sich unter die bekannten Jazz-Musiker in den Staaten zu mischen, wenn er einen Weg fände, über den ‚großen Teich‘ zu kommen.

English fashion model Kate Moss in a black body stocking, March 1993.

Seine Lösung war, sich als Flugbegleiter bei BOAC (der früheren Fluggesellschaft für Langstreckenflüge von British Airways) zu bewerben.

Er erinnert sich: „Zu dieser Zeit ist man noch nach New York geflogen und hatte dann vor dem Heimflug drei Tage frei. Ich dachte, das wäre meine beste Chance, dort ein paar Jazz-Gigs zu landen. Aber mir wurde eine Stelle in der Fotografie-Abteilung der Fluggesellschaft angeboten, die ich annahm, um bei dem Unternehmen einen Fuß in die Tür zu bekommen. Dann fand ich Gefallen daran und eines führte zum anderen.“

Es folgte der erste Durchbruch. „Ich machte ein Foto von RAB Butler, dem damaligen britischen Innenminister, der in einem Warteraum am Flughafen schlief. Er war von einigen afrikanischen Stammesfürsten umringt.“

Das Foto schaffte es am nächsten Tag auf die Titelseite des Sunday Dispatch.

Hard rock group AC/DC shot through glass in London, late 1990s.

„Von da an hatte ich eine feste Stelle am Flughafen“, erinnert er sich.  „Ich hatte zum Fotografieren nur eine alte Agfa Silette, eine kleine 35mm Sucherkamera mit fester Entfernungseinstellung. Es war eine schreckliche Kamera, aber mir gelangen nach und nach einige großartige exklusive Fotos. Ich gestaltete meine Bilder statt sie zu ‚stehlen‘, wie Paparazzi das heute tun.“

Terry hat für Paparazzi nichts übrig: In einer Art Schimpftirade (auf Youtube zu sehen) erklärte er einmal: „Paparazzi sollten erschossen werden – sie sind nur Tiere mit Kameras. Sowas könnte man einem Affen beibringen.“

Der Daily Sketch erkannte sein aufstrebendes Talent und bot ihm eine feste Stelle an. Seine erste Aufgabe war, sich in den Norden aufzumachen und vier junge Musiktalente zu fotografieren.

„Das waren dann die Beatles“, erzählt Terry.  „Am nächsten Morgen war die Zeitung komplett ausverkauft. Meine Bilder waren die allerersten Pressebilder, die je von der Gruppe gemacht wurden. Es war der Anfang von Pop-Bildern in Zeitungen.“

Model Naomi Campbell peeks through her fingers. She wears a stiched fetish style leather outfit and has goggles on her head, 1993.

Terry arbeitete vier Jahre lang bei The Sketch. „Ich kaufte eine bessere Kamera, aber ich war so gut wie der einzige Fotograf in der Fleet Street, der zu dieser Zeit mit einer 35 mm fotografierte. Alle anderen verwendeten die Formate 5×4 oder Rollei medium. Aber ich fand heraus, dass eine 35 mm für Fotos von Prominenten oft viel praktischer war, weil sie kleiner war und die Menschen nicht so sehr abschreckte.“

Aber das änderte sich. Und wie.

Seit vielen Jahren ist Terry ein loyaler Hasselblad-Anhänger. Und eines seiner bekanntesten Bilder – das Bild einer erschöpften Faye Dunaway (seiner damaligen Frau), die, nachdem sie gerade einen Oskar gewonnen hat, um 6.30 Uhr in einem Stuhl am Pool eines exklusiven Hotels in Hollywood liegt – wurde mit seiner geliebten Hasselblad 500CM aufgenommen.

„Sie war nicht sehr begeistert. Sie war die ganze Nacht auf der Feier und wollte nicht, dass ich sie fotografiere“, gibt er zu.

Faye DunawayAmerican actress Faye Dunaway takes breakfast by the pool with the day’s newspapers at the Beverley Hills Hotel, 29th March 1977. She seems less than elated with her success at the previous night’s Academy Awards ceremony, where she won the 1976 Oscar for Best Actress in a Leading Role for ‘Network’.

Sie ließen sich später scheiden.

Aber Terry und Hollywood verstanden sich blendend.

Ava Gardner verschaffte ihm den Traumjob, Frank Sinatra zu begleiten und zu fotografieren. „Ava schrieb einen Brief, in dem sie mich Frank vorstellte. Ich überreichte ihn Frank und er sagte: „Junge, du gehörst zu mir.“ Dann ignorierte er mich die nächsten drei Wochen komplett.“

Aber Sinatra ließ ihn jahrelang an seinem Leben teilhaben. „Es war eine große Ehre für mich“, gibt Terry zu. „Sinatra war unglaublich professionell und umgab sich nur mit Leuten, die er für die besten ihres Fachs hielt.“

Jetzt werden die berühmten Bilder, die O’Neill in den Sechzigern und Siebzigern von Sinatra gemacht hat, für tausende Pfund verkauft.

Ein Foto in Miami mit Sinatra, einem Double und einigen Bodyguards erzielte kürzlich bei Sotheby’s in New York einen Preis von 30.000 $.

Italian tenor Luciano Pavarotti (1935-2007), circa 1990.

Aber es war nicht alles eitel Sonnenschein. Es gab auch Herausforderungen und Schattenseiten:

Terry sagt: „Ich wurde ein guter Freund von Peter Sellers und er bat mich, bei seiner Hochzeit zu fotografieren. Es war nicht der großartigste Moment meines Lebens, als ich nach der Hälfte der Zeremonie erkannte, dass ich keinen Film in die Kamera eingelegt hatte. Zum Glück konnte ich die Situation retten und machte einfach weiter, als wäre nichts passiert.“

Außerdem waren einige der Stars nicht immer bester Laune, wenn er auftauchte.

Er erinnert sich: „Ich wollte Steve McQueen fotografieren. Sobald ich eintraf, begann er eine heftige Auseinandersetzung mit seinem PR-Mann, weil er behauptete, dass ihm nicht gesagt wurde, dass ich kommen würde. Mein Fleet-Street-Presseinstinkt schaltete sich ein und ich schoss einfach drei Minuten lang Fotos, während sie stritten. Dann ging ich wieder…mit allen Bildern, die ich brauchte.“

Wenn man Terry O’Neil auf seinen Fotografie-Stil anspricht, gibt er offen zu, dass er nicht wirklich einen hat.

Er betont, dass das echte Geheimnis großartiger Fotografie ist, als Fotograf zu lernen, im Hintergrund zu verschwinden.

Scottish actor Sean Connery as James Bond plays golf on a deserted film set in Pinewood Studios in London during the filming of ‘Diamonds Are Forever’, 1971.

‚Dass Sinatra mich ignorierte, war das größte Geschenk, das er mir machen konnte. So konnte ich weiterhin das tun, was ich am besten kann.“

Er fügt hinzu: „Ich habe nie eine Ausbildung gemacht, abgesehen von der Arbeit in einer Dunkelkammer, und mein ganzes Leben lang kein Fotoseminar besucht. Ich versuche einfach, Fotos zu machen, die eine Geschichte erzählen – vielleicht auf unbemerkte und unkonventionelle Art.  Ich glaube, entweder man kann ein Bild sehen oder nicht. Ich erfasse einfach den Moment, wie er ist.“

Aber wenn er zu einem Apparat greift, ist es immer eine Hasselblad.

Er hat IMMER NOCH die alte 500CM (er ist auch heute noch ein Fan von Silberhalogenid)

Ich liebe Film, aber ich mache auch digitale Bilder, wenn ein Kunde darauf besteht, sagt er.

„Ich weiß einfach, dass eine Hasselblad Mittelformat im High-End-Bereich die beste Wahl ist. Ich bin überzeugt, dass, was Bilder angeht, größer wirklich besser ist. Ich habe entdeckt, dass ich im Quadratformat eine bessere Geschichte erzählen kann. Deshalb dauert meine Liebesgeschichte mit Hasselblad bis heute an.

Für die meisten meiner berühmtesten Porträts von der Queen, von Nelson Mandela, Amy Winehouse und Elton John habe ich eine Hasselblad verwendet.“

English pop singer Elton John at his home in Windsor, England, 1974. This photograph is from the album cover shoot for Elton John’s Greatest Hits album.

Terry sagt dazu: „Trotz den modernen Aufnahmemöglichkeiten und dem unaufhaltsamen Vormarsch von DSLRs und Fotohandys möchten viele professionelle Fotografen immer noch die Qualität und das Gefühl erreichen, das nur das Mittelformat bieten kann.“

Er fügt hinzu: „In dem Geschäft, in dem ich seit fünfzig Jahren tätig bin, darf man bei der Ausrüstung keine Kompromisse eingehen. Ich glaube einfach nicht, dass ein kleinerer Sensor jemals die Qualität der Mittelformat-Plattform schlagen kann.“

Terry hat auch bei der Feier zum 90. Geburtstag von Nelson Mandela fotografiert. „Es war eine große Ehre“, stellt er fest: „Ich fotografierte unter anderem die Clintons und andere führende Politiker aus der ganzen Welt. Ich war eine Woche lang dort.“

Aber der berühmte Fotograf glaubt, dass es junge Fotografen in seiner Branche immer schwieriger haben.

„Zu meinen besten Zeiten ließen mich die Menschen, die ich fotografierte, nah an sich heran. Es gab keine aufdringlichen Pressesprecher, die versuchten, alles zu kontrollieren. Die PRs und Pressesprecher heutzutage kommen einem einfach in die Quere. Sie wollen es einem unbedingt schwermachen und belegen Fotografen mit jeder Menge Einschränkungen.

Ich hatte sehr viel Glück. Ich habe die allerbeste Zeit erwischt. Aber mein Rat an die, die trotzdem durchhalten wollen, ist, einfach weiter zu shooten. Einfach weiter Bilder zu machen.“

Photographer Terry O’Neill, 1990s.

*Terry arbeitet mit seinem Freund (und einem weiteren berühmten Rock-Fotografen) Gered Mankowitz gerade an einem brandneuen Buch über die frühen Jahre der Rolling Stones. Es soll im Frühling erscheinen.

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