Storytellers

Gered Mankowitz

Eine Kamera fürs Leben

Vor mehr als 50 Jahren überzeugte der unvergleichliche Peter Sellers (mit einem schwedischen Akzent in bester Komödiantenmanier) den damaligen Teenager Gered Mankowitz, dass eine Hasselblad für ihn wie geschaffen sei. Gered Mankowitz hat seitdem mit keiner anderen Kamera fotografiert.

So viele einmalige Beziehungen beginnen mit einer glücklichen Erinnerung – und legendärer Musik. In den Erinnerungen des Werbe- und Zeitschriftenfotografen Gered Mankowitz, dessen meisterliche Fotoklassiker eine ganze Epoche mitprägten, hat sich sein erster Kontakt mit einer Hasselblad genau so zugetragen.

The Eurythmics by Gered Mankowitz

„Wie es der Zufall wollte, war Peter Sellers ein Geschäftspartner meines Vaters. Einmal, ich war damals 13 Jahre alt, besuchte er uns an einem Sonntag zum Mittagessen. Er war ein begeisterter Fotograf, also erschien er bei uns mit seiner Hasselblad und machte Aufnahmen von meinen Brüdern und mir. Ich empfand das Fotografieren als faszinierende Tätigkeit. Peter Sellers bemerkte mein Interesse sofort und machte mich ausführlich mit der Funktionsweise seiner Kamera vertraut. Dabei sprach er die ganze Zeit mit einem ulkigen schwedischen Akzent. Er war zum Schreien komisch! Ich habe mich vor Lachen geschüttelt und schließlich Tränen. Seitdem ist diese Kamera für mich untrennbar mit Lachen und Freude verknüpft.“

Nach einer zusammengestückelten Ausbildung an verschiedensten Londoner Lehranstalten beendete Gered Mankowitz mit 15 Jahren seine Schullaufbahn ohne formellen Abschluss. Auf einer Klassenfahrt in die Niederlande entdeckte er jedoch, dass er einen Gabe für das Komponieren von Bildern hatte. Die intensiven Eindrücke vom Treffen mit Peter Sellers waren noch frisch und so beschloss er, eine fotografische Laufbahn einzuschlagen. Nachdem er seinen Vater überzeugt hatte, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen, gab es eigentlich nur eine Kamera, die für ihn in Frage kam. Folglich begann er seine neue Karriere als stolzer Besitzer einer Hasselblad 500C.

The Rolling Stones by Gered Mankowitz

Gered Mankowitz berichtet: „Mein Vater hatte bei meiner Geburt eine Lebensversicherung abgeschlossen. Diese ließ er sich auszahlen, um die benötigten Mittel bereitzustellen. Wir fuhren zum Piccadilly Photo Centre in London. Das Geschäft befand sich im berühmten Einkaufszentrum Piccadilly Arcade. Wir wurden ausgezeichnet beraten und ich verließ den Laden mit einer kompletten Fotoausrüstung.“

Viele 15-Jährige wären sicher in Ehrfurcht bei dem Gedanken erstarrt, mit einer Ausrüstung zu arbeiten, die ein solches professionelles Renommee und eine derartige Wucht verströmte wie eine Hasselblad. Doch der junge Gered Mankowitz legte direkt mit dem Fotografieren los und die Kamera wurde rasch zu seinem ständigen Begleiter. „Sie lag mir gleich wie angegossen in der Hand. Meine imposante Kamera war wohl wesentlich beeindruckender für die Menschen, die ich fotografierte, als für mich selbst. Ich schätzte die Kamera einfach wegen ihrer Bildqualität. Das erhabene Design und die einfache Bedienung versetzten mich immer wieder aufs Neue in Erstaunen.“

Kate Bush by Gered Mankowitz

Die Suche nach der passenden Nische

Am Anfang seiner Karriere konnte sich Gered Mankowitz mit vielen verschiedenen fotografischen Genres vertraut machen. Er war einige Zeit bei der bekannten Camera Press-Agentur tätig, deren Gründer, der Fotograf Tom Blau, ihm als Mentor zur Seite stand. Auch auf einer Reise mit seiner Familie nach Barbados machte er einige professionelle Aufnahmen. Dazu zählte u.a. die Landung der ersten Boeing 707 auf dem Flughafen Bridgetown. Danach assistierte er dem berühmten Modefotografen Alec Murray beim Fotografieren von Herbstkollektionen in Paris. Bei seiner Rückkehr war er desillusioniert und davon überzeugt, dass seine Zukunft anders aussehen würde.

„Was ich wirklich anstrebte, war eine Tätigkeit in der Welt des Showbusiness“, gesteht er. „1962 erhielt ich den Auftrag, am Theaterzentrum Bristol Old Vic eine Produktion des amerikanischen Singspiels ‘Fiorello’ zu fotografieren. Meine Aufnahmen waren außen am Theater zu sehen. Als das Stück später in London aufgeführt wurde, fotografierte ich die Produktion erneut. Ich war der jüngste Fotograf, dessen Bilder auf diese Weise verwendet wurden.“

Kim Wilde by Gered Mankowitz

Kurz darauf war Gered Mankowitz für Jeff Vickers tätig, einen Portraitspezialisten im Showgeschäft. So bot sich ihm die Möglichkeit, zahlreiche Schauspielerinnen, Schauspieler und andere Persönlichkeiten zu fotografieren. Bei dieser Tätigkeit kam er in Kontakt mit dem Folk-Rock-Duo Chad & Jeremy, die gerade bei Ember Records unterschrieben hatten. Eine seiner Aufnahmen wurde für das erste Album des Duos als Cover verwendet und so landete Gered Mankowitz gerade zu einer Zeit in der Musikindustrie, als diese dringend nach Erneuerung suchte. Das war eine großartige Gelegenheit, mit einer neuen Generation von Produzenten und Managern zu arbeiten. Dass Gered Mankowitz genauso jung war wie viele von ihm fotografierte Künstler, verschaffte ihm einen Vorteil gegenüber den etablierten „Old-School-Fotografen“.

Innerhalb weniger Monate hatte sich Gered Mankowitz im Musikgeschäft einen Namen gemacht. Die Liste der Künstler, mit denen er arbeitete, wurde ständig länger. Eine zufällige Begegnung mit Marianne Faithfull brachte ihn ein großes Stück weiter, da sich daraus mehrere Fotosessions ergaben. Außerdem entstand auf diese Weise ein Kontakt mit Andrew Loog Oldham, der ebenfalls Manager und Produzent der Rolling Stones war.

Jimi Hendrix by Gered Mankowitz

„Meine Zusammenarbeit mit den Stones begann 1965. Ab diesem Zeitpunkt erhielt meine Laufbahn eine glasklare Richtung,” konstatiert Gered Mankowitz. „Bei meiner ersten Session mit der Band nahmen wir das Cover ihres bahnbrechendem Albums ‘Out of Our Heads’ auf. Nun erhielt ich die Anfrage, ob ich die Rolling Stones auf ihrer 1965er Rekordtournee durch Amerika begleiten wollte. Die Band trat sechs Wochen lang in 36 verschiedenen Städten auf. Ich fotografierte die Band auf und abseits der Bühne. Danach war ich als ‘offizieller’ Bandfotograf tätig. Dabei erstellte ich Aufnahmen für zahlreiche Alben, für die Presse und Öffentlichkeitsarbeit.“

Gered Mankowitz fand sich im Epizentrum der Swinging Sixties wieder und erlebte aus erster Hand eine Ära, die die Welt für immer verändern sollte. „Es war eine außergewöhnliche Zeit, obwohl damals noch keiner von uns einschätzen konnte, welch enormen Einfluss diese Epoche besitzen würde. Wir hatten das Gefühl, dass alles möglich war. Sämtliche Regeln wurden komplett neu geschrieben.“

The Rolling Stones by Gered Mankowitz

Ein Musterbeispiel für diesen Zeitgeist war Gered Mankowitz’ Aufnahme für das Cover des Rolling Stones-Albums „Between the Buttons“. „Ich hatte mittlerweile genug Selbstvertrauen, um meine eigenen Ideen in die Sessions einzubringen. Ich hatte einen Selbstbaufilter vorbereitet und mit Vaseline bestrichen. Wenn ich den Filter vor das Objektiv hielt, entstand ein fast psychedelischer Übergang zwischen Schärfe und Unschärfe, wie man es heute z.B. von Lensbaby-Objektiven kennt.

Direkt nach einer Aufnahmesession, die die ganze Nacht gedauert hatte, fuhr ich mit der Band nach Primrose Hill im Norden. Ich fand, dass der weltverdrossene Look perfekt zu den Stones passte. Alle waren von der Aufnahme absolut begeistert, weil sie so anders aussah.“

The Rolling Stones by Gered Mankowitz

Neue Impulse

Das Albumcover war einer der wichtigsten Katalysatoren für die damalige Fotografie. Die Aufnahme im 12×12-Format war optisch überaus beeindruckend. Zufälligerweise stimmte die Form exakt mit der eines Hasselblad-Negativs im 6×6-Format überein. Dadurch konnte die Größe der Aufnahme ohne Beschnitt angepasst werden.

Gered Mankowitz erklärt: „Ja, das war wirklich wichtig – und einer der Gründe, warum ich mich ursprünglich für Hasselblad entschieden hatte. Die Bedeutung des Fotos auf dem Albumcover kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: Es wurde zum integralen Bestandteil des Albums an sich. Im Idealfall würde es eine Botschaft vom Konzept des Albums vermitteln. Zudem konnten Käufer die Bandmitglieder in Augenschein nehmen. Man muss verstehen, dass damals nicht übermäßig viele Aufnahmen von der Band in Umlauf waren.“

Jimi Hendrix by Gered Mankowitz

Bei Fotosessions bestand stets die Möglichkeit, dass sich eine der gemachten Aufnahmen für ein Albumcover eignen würde. Dank des 6×6-Formats erfüllte praktisch jedes Foto die dafür erforderlichen Voraussetzungen. Diesen Gedanken hatte Gered Mankowitz im Hinterkopf, als er die Anfrage erhielt, den großen Musiker Jimi Hendrix mit seiner Band zu fotografieren.

„Obwohl Jimi Hendrix damals weitgehend unbekannt war, haben mich sein Charisma und seine persönliche Ausstrahlung sofort fasziniert. „Von Anfang an stand meine Planung fest: Ich wollte Aufnahmen in der Studioumgebung machen und Jimi Hendrix allein sowie mit seiner Band fotografieren. Die Musiker trafen gegen Mittag ein und wir hatten bis ca. 16:30 Uhr Zeit. Dann wurden sie von einem Roadie abgeholt und nach Hastings gebracht, wo sie am Abend im Hafen ein Konzert gaben. Zu meinen wichtigsten Einflüssen zählten u.a. Avedon und Penn. Daher beschloss ich, Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu machen. Nach meiner Ansicht würden die Fotos in dieser Form mehr Würde ausstrahlen. Dies erwies sich als recht altkluge Entscheidung und kostete mich schließlich den Platz auf den Album, da sich das Management von Jimi Hendrix für eine Farbaufnahme entschied.“

JIMI-CLASSICJimi Hendrix by Gered Mankowitz

Die Bilder waren damals nicht viel zu sehen, haben sich inzwischen aber als definitive Portraits von Jimi Hendrix auf dem Höhepunkt seines Schaffens etabliert. Gered Mankowitz führt dies darauf zurück, dass er an diesem Tag die Essenz des Künstlers einfangen durfte. „Jimi Hendrix öffnete sich mir gegenüber. Dieser Aspekt ist der ausschlaggebendste von allen. Er gewährte der Kamera einen kleinen Einblick in seine Seele. Der Betrachter spürt, dass er das Portrait eines besonderen Menschen vor sich hat – und nicht das Abziehbild einer Rock-Ikone. Ich empfand es als Privileg, dass sich Jimi Hendrix in meiner Gegenwart öffnen konnte.“

Ausrüstung ist ein Werkzeug, mehr nicht

Trotz einer mehr als 50-jährigen Karriere, in deren Verlauf er nicht nur zum Musikfotograf aufgestiegen ist, sondern auf eine mindestens ebenso erfolgreiche Laufbahn als Werbe- und Zeitschriftenfotograf verweisen kann, hat Gered Mankowitz seiner ursprünglichen Kameramarke stets die Treue gehalten. Dabei hat er lediglich vier analoge Kameras genutzt: seine erste 500C, eine weitere 500C, eine 500C/M und eine 500EL/M. Jetzt besitzt er außerdem eine digitale H3D für seine persönliche Fotografie.

The Jam by Gered Mankowitz

„Meine erste Kamera nutzte ich die ganzen 1960er Jahre hindurch. Ich hätte sie noch immer, wenn sie mir nicht gestohlen worden wäre. Ich bin kein Fotograf, der die technische Ausrüstung vergöttert. In meiner gesamten Laufbahn habe ich lediglich vier Objektive verwendet: Ich begann mit dem 50er, 80er und 150er. Dazu gesellte sich das 120er, als es auf den Markt kam. Das 50-mm-Objektiv war stets meine Lieblingsbrennweite. Damit habe ich Jimi Hendrix portraitiert. Obwohl es keine augenscheinlichen Verzeichnungen aufweist, betont sein Bildwinkel die Größe des Kopfes im Verhältnis zum restlichen Körper. So entsteht das perfekte Rock ‘n’ Roll-Foto.“

Wir kommt es, dass Gered Mankowitz über all die Jahre nie das Kamerasystem gewechselt hat? „Ganz einfach: Ich habe nie etwas Besseres gefunden. Für mich gab es keinen Grund, auf ein anderes Pferd zu setzen. Am liebsten arbeite ich mit Werkzeug, mit dem ich gut klarkomme.“

Led Zeppelin by Gered Mankowitz

Gered Mankowitz kann nicht alles falsch gemacht haben: Die Royal Photographic Society hat seine außergewöhnliche Karriere kürzlich mit der Verleihung einer Ehrenmitgliedschaft gewürdigt.

„Über all die Jahre haben Jeff Vickers und ich ein enges Verhältnis gepflegt. Er hat mich in die Royal Photographic Society eingeführt, von der mir vor kurzem die Ehrenmitgliedschaft verliehen wurde. Darüber bin ich hoch erfreut und ich fühle mich natürlich sehr geehrt.“

Oasis by Gered Mankowitz

Gered Mankowitz’ Buch, das 50 Jahre als Musikfotograf würdigt, wird noch immer aufgelegt. Zudem veröffentlicht er seinen neuen Ormond Yard Press-Bildband mit Aufnahmen der Rolling Stones. Die Begleitausstellung ist ab dem 2. April 2016 in London zu sehen. Welcher Ort wurde dafür auserkoren? Wie es das Schicksal so will, handelt es sich um die Snap Gallery im Einkaufszentrum Piccadilly Arcade, nur einen Katzensprung von dem Fotogeschäft entfernt, in dem er vor vielen Jahren voller Stolz seine erste Hasselblad erstand.

Weitere Informationen:

www.mankowitz.com

www.snapgalleries.com/exhibitions/off-the-hook/

www.rps.org/gered

Camera model
Exposure time
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ISO
Exposure mode
Auto exposure Manual exposure Auto bracket
Photographer